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Interview mit René Wiesner [Teil 2] // Thanatomania, Mondos, Marian Dora

Teil 2 des Interviews mit René Wiesner zu seinem neuen Film „Thanatomania“ (unterstützt ihn auf www.startnext.com/thanatomania), Mondos und Marian Dora. Viel Spaß beim lesen!
Hier geht’s zum ersten Teil: Teil 1.

Ittenbach-Fans: Du sagst Marian Dora ist sehr ruhig. Ich kenne ihn zwar nicht, aber ich kann mir das bei ihm nur schwer vorstellen.

René Wiesner: Er ist sehr ruhig, aber er kann auch ein bisschen aufbrausender werden. Er ist jemand der ein klares Ziel im Kopf hat und natürlich sind die Umstände nicht immer optimal für seine Filme, aber er macht am Set alles, um das Beste raus zu holen. Er kann auch schon mal lauter werden, aber das ist gerade bei kleinen Filmsets absolut normal, das muss man nicht überbewerten.

IF: Es gibt auch das Gerücht, dass Marian Dora in seinen Filmen nur echtes Blut verwendet und auch Verletzungen teilweise echt sind. Stimmt das?

RW: Meistens ist es echt. Aber wenn man sich z.B. “Pesthauch” anguckt, da werden ja teilweise Körper komplett auseinander genommen, das ist natürlich nicht echt. Aber es kommt oft vor, dass echtes Blut verwendet wird, zum Beispiel bei “Pesthauch” kann ich das sagen, weil ich dabei war. Da wurde echtes Blut verwendet, u.a. von mir.

IF: Dir wurde Blut abgezapft für den Film? Das ist ja krass.

RW: Eine Sache würde ich noch gerne dazu sagen. Ich werde das ganz oft gefragt, wie das ist, ob bei Marian alles echt ist oder nicht. Ich würde Marian am ehesten als so einen ganz frühen Filmemacher beschreiben, wo Film noch so eine Art Jahrmarktsattraktion war. Es ist sehr viel Gaukelei und Illusion dabei. Marian ist ein Meistermanipulator vor und hinter der Kamera. Er weiß genau was er tut und was er machen muss, um bestimmte Reaktionen beim Publikum hervorzurufen. Mehr will ich auch dazu nicht sagen. Sein Werk wird noch früh genug aufgearbeitet werden.

IF: Kommen wir zu deinem neuen Film “Thanatomania”. Dem Trailer und der Beschreibung nach wird es ein Spielfilm. Heißt das, es geht weg von deinem Dokumentarstil und mehr in Richtung inszenierter Film?

RW: Der Film hat so gut wie keine dokumentarischen Elemente. Dieses Mal wollte ich wirklich was anderes machen, es geht mir darum wirklich einen Spielfilm, einen langen Underground-Film zu inszenieren. Halt komplett ohne dokumentarische Elemente, auch als Experiment für mich, ob ich das schaffen kann.
Das Thema ist wie bei meinen vorherigen Filmen auch wieder der Tod. Ich möchte zur Story gar nicht viel vorwegnehmen. Bei mir ist es oft so, dass ich ein Projekt anfange und erst während dessen wird mir klar, was ich eigentlich mache oder wo ich hin will. Hier ist das jetzt auch wieder der Fall. Ich habe schon einen roten Faden, ich habe Anfang, Mitte und Ende im Kopf, bloß teilweise weiß ich noch nicht wie ich da hinkomme. Das sind so Dinge die ergeben sich bei mir ganz oft erst während des Drehs. Ich habe jetzt schon einen Drehblock hinter mir, da habe ich vier Tage mit Jörg Wischnauski gedreht und nochmal zwei einzelne Tage mit ihm und unter anderem auch mit Dietrich Kuhlbrodt. Damit habe ich jetzt ungefähr einen halben Film. Ich weiß auch relativ genau was ich noch brauche. Ich will so wenig wie möglich Füllmaterial drin haben, zum Beispiel Szenen die zwar schön sind, aber die Story nicht weiter bringen.

IF: Wird dann auch am Set improvisiert?

RW: Ja genau. Ich bin immer sehr offen für Ideen meiner Schauspieler. Gerade wenn ich wie dieses Mal wirklich für alles verantwortlich bin, Location, Kamera, Produktion, Regie führen… Da ist es dann schon gut, wenn man noch ein bisschen zusätzlichen Input der Schauspieler hat. Ich schreibe auch keine wirklichen Drehbücher. Jetzt für den Film habe ich schon die Szenen aufgeschrieben, die wir machen wollen, damit es für Jörg etwas einfacher wird. Wie sich dann am Ende alles zusammenfügt, das weiß er auch noch nicht so genau. Aber mittlerweile vertraut er mir halt zum Glück, weil wir schon so lange etwas zusammen machen. Es ist viel Raum zur Improvisation. Ich mag keine Skripte die in Stein gemeißelt sind, da bin ich nicht der Filmemacher dafür. Ich mache auch keine Storyboards. Ich habe Bilder im Kopf, aber die sind nicht so festgelegt, das ergibt sich dann meist vor Ort.

IF: Jörg Wischnauski ist ja auch ein sehr talentierter Schauspieler, ich kann mir gut vorstellen, dass er über Improvisation da viel einbringt. Wie bist du auf ihn gekommen?

RW: Ihn habe ich privat kennengelernt, auf einem Filmfestival, so um 2014. Dann haben wir für einen Trailer jemanden gebraucht, der sich ausziehen muss, da hat er sich als Komparse gemeldet. Das ist mir sofort im Gedächtnis geblieben, dass er einer ist, der kein Problem mit so etwas hat. Direkt danach kam dann auch schon “Pesthauch der Menschlichkeit”. Zu der Zeit kannte man sich vom Sehen, aber über die Jahre sind wir Freunde geworden. Es ist auch über die Jahre immer einfacher geworden mit ihm zu arbeiten. Wir streiten zwar durchaus regelmäßig während der Dreharbeiten, aber mittlerweile sind wir beide soweit, dass nach fünf Minuten alles wieder vergessen ist. Am Anfang, das kann ich auch verstehen, bin ich als Filmemacher in einer Bringschuld. Er hat noch nichts von mir gesehen und ich verlange all diese abstrusen Sachen von ihm, aber als er dann im Nachhinein die Filme gesehen hat, war er zufrieden.

IF: Wie kam es dazu dass Dietrich Kuhlbrodt in deinem neuen Film mitspielt?

RW: Dietrich Kuhlbrodt ist ein ganz besonderer Typ. Die Weichen dafür sind auch im Jahr 2014 gelegt wurden. Da habe ich ihn auf einem Underground-Filmfestival kennengelernt und da habe ich ihn gefragt ob er für einen Gastauftritt bei “ABCs of Superheroes” dabei sein würde. Dietrich ist ein ganz wilder, verrückter. Er wird dieses Jahr übrigens schon 90 Jahre alt und springt immer noch auf Bühnen herum. Wie bei “ABCs of Superheroes”, da hat er gerade zwei gebrochene Rippen gehabt, von einem Auftritt mit HGich.T. Unverwüstlich der Mann. Jetzt für „Thanatomania“ habe ich ihn gefragt ob er für einen kleinen Auftritt mitmachen würde. Und er meinte: ja sofort, machen wir! Wir haben das dann relativ schnell gedreht. Das hat auch viel Spaß gemacht und dann haben wir uns noch hingesetzt und er hat uns ein paar Stunden lang seine ganzen alten Geschichten erzählt. Er ist auch ein Stück deutscher Geschichte. Er ist Oberstaatsanwalt gewesen und in den 50er Jahren war er einer derjenigen, die dafür gesorgt haben, dass Nazi-Kriegsverbrecher den Prozess bekommen haben. Erst später hat er die Liebe fürs Theater und für den Film entdeckt. Er kennt sie halt auch alle und hat mit ihnen Filme und sonstwas gemacht: Schlingensief, Lars von Trier, Rosa von Praunheim und viele weitere. Ich habe auch noch eine kleine Dokumentation gedreht mit ihm, die wird dann wahrscheinlich als Bonus auf der „Thanatomania“ DVD veröffentlicht werden: „Dietrich in Pornoland und andere Geschichten“.

IF: Was kannst du zu der Schauspielerin Julia Seewald sagen, die in „Thanatomania“ mitspielt?

RW: Nicht ich habe sie gefunden, sondern sie mich. Dann fragte ich sie, ob sie in der Szene mitspielen will, mit Jörg, wo es auch ganz schön zur Sache geht mit Nacktheit und sie sagte, dass sie kein Problem damit hat. Sie kam einen Tag zu uns, als wir diesen Drehblock hatten und das war auch einer der schönsten Drehtage, wo relativ viel gespielt werden musste. Bei meinen Filmen mit Jörg, denke ich, wirkt es manchmal so, als wenn wir nur Mutproben drehen. Ich möchte aber mehr inszenieren und das ging mit ihr sehr gut. Ich würde auch jederzeit wieder etwas mit ihr machen. Wir drei haben gut zusammen funktioniert. Sie kam genau zur richtigen Zeit zum Projekt dazu und hat uns wieder Motivation gegeben, als die Moral zu dem Projekt gerade im Keller war und wir es schon fast einstellen wollten.

IF: Was kannst du uns noch zu „Thanatomania“ erzählen?

RW: Ich möchte inhaltlich dazu nichts weiter verraten. Der Trailer ist sehr offen gehalten, ich wollte eine Menge zeigen, ohne etwas zu sagen und das spiegelt auch meine Haltung zu dem Film wieder, bis er halt wirklich fertig ist. Es ist für mich das Größte was ich bisher gemacht habe. Ob es auch das Beste wird, das wird sich zeigen. Aber ich glaube schon, dass es ein interessanter Film wird, für gewisse Leute, die bisher immer ein Problem damit hatten meine Filme einzuordnen. Ich gehöre nicht richtig in die Horror-Community, bei den Dokumentarfilmern wollen sie mich auch nicht haben. Jetzt wollte ich einfach mal einen Underground Genre-Film, einen Underground-Spielfilm machen.

IF: Du sagst Genre-Film, wird es also ein bisschen in die Richtung Horror gehen?

RW: Horror im weitesten Sinne. Vielleicht eher Serienmörderfilm. Es ist aber auch eine Subversion des Genres. Ich bediene mich vieler Elemente, aber ich treibe meinen Schabernack damit.

IF: Letzte Frage. Wenn Geld keine Rolle spielen würde, welchen Film würdest du machen, was wäre dein Wunschprojekt?

RW: Ein Projekt, das ich schon länger mit mir herumtrage, wäre auch wieder ein Mondofilm, das würde ich “Mondo Germania” nennen. Das würde in Richtung klassischer Mondofilm gehen, wie er in den 60ern oder 70ern hätte entstanden sein können, wo ich dann Deutschland mit einigen anderen Ländern auf der Welt vergleichen würde, in verschiedener Hinsicht. Aber das könnte ich alleine nicht umsetzen. Hier in Deutschland drehen, das würde ich vielleicht noch hinbekommen, aber nicht das Gegenstück dazu irgendwo am anderen Ende der Welt, das würde nicht funktionieren. Das wäre etwas großes, wo ich wirklich Geld dafür brauchen würde. In meiner jetzigen Situation wäre das nicht möglich.

IF: Dann wünsche ich dir viel Erfolg! Vielen Dank für die ausführlichen Einblicke.

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